El Salvador / Honduras

DSC03836Nachdem ich einige Tage dem verführerischem Traveller-Disneyland von Antigua in Guatemala erlegen bin und es genossen habe, sorglos durch die wunderschönen Straßen, Cafés, Bars und Märkte zu streifen und die sonntäglichen Proben für die Semana Santa zu beobachten, war es dann soweit: El Salvador und Honduras standen auf dem Plan. Glaubt man den Reisewarnungen des Auswärtigen Amt wird einem schon ein Bein mit der Machete abgehackt, sobald man es über die Grenze setzt während dir Organhändler flugs ein paar Organe extrahieren, Drogenbosse dich als Kurier benutzen, Bandenkriminelle dir den Magen mit Blei vollpumpen und dein Gepäck direkt an den Meistbietenden verhökert wird, das alles selbstverständlich während man schon in einem rauchenden Buswrack steckt. Klar, es gibt viele Probleme, aber von den meisten, wie z.B. der Bandenkriminalität, sind Touristen kaum betroffen. Mit etwas gesundem Menschenverstand kann man wirklich viele Probleme vermeiden. Natürlich gibt es da auch noch Glück oder Pech…Paranoid sollte man jedenfalls nicht werden. Ich finde die Darstellung vom Auswärtigen Amt auf jeden Fall echt etwas zu einseitig, als wären die Menschen hier partout alle Verbrecher, was absolut nicht stimmt, im Gegenteil: Die Salvadorianer und Honduraner sind alle in der Regel sehr nett und hilfsbereit und haben mir ganz lieb geholfen als ich krank mit Fieber in der Pampa ankam. Und anstatt rumzuhängen und kriminell zu sein wird hier fleißig gearbeitet und nach vorne geblickt, so eher mein Eindruck!

Wer glaubt, die Länder Zentralamerikas seien alle gleich, wird direkt nach der Grenze zu El Salvador eines Besseren belehrt: Ich habe schon gestaunt wie viel heißer und weniger grün die Landschaft ist, wie viel mehr Gitter an den Häusern sind und wie viel schäbiger das Straßenbild, die Hostels und Busse sind. Selbst die Eisdielen sind vergittert… Schön, wie das die Paranoia beflügelt. Auf der anderen Seite: Herrlich untouristisch ist es und man kann viel auf eigene Faust entdecken: Versteckte Wasserfälle und heiße Quellen, Mangrovenwälder und kilometerlange einsame Strände, menschenleere Nationalparks mit Gürteltieren und anderem Viehzeug, kleine Dörfer und Kaffeeplantagen und zur Abwechslung die riesigen Malls der Hauptstadt in denen ich einen stumpfen Tag voller Popcornkino und Fastfood verbracht habe. Obendrein hatte ich Riesenglück und wurde direkt von 2 schicken Frauen als Reisebegleitung adoptiert. 🙂

Honduras fand ich noch zauberhafter und auch ganz anders als Salvador: Die magischen Ruinen der Mayastädte Copan, die man früh morgens nur mit ein paar regenbogenfarbenen Papageien und witzigen Agutis teilt, die wunderschöne grüne Hügellandschaft voller Schmetterlinge, die kleinen, ausgestorbenen Kolonialstädtchen und den wunderschönen Yojoa-See voller seltener Vogelarten und vernebelter Berge und Inseln lassen einen länger an einem Ort bleiben als man eigentlich vorhat. Und hier gibt es ihn noch, den Cowboy, mit seinem wettergegerbten Gesicht, Jeans und Hemd und dem obligatorischen Hut, lässig an die Hauswand gelehnt, die Hände in den Taschen oder, wenn zu lonesome, auch im Schritt…Bei aller Liebe zur Exotik, Machismo ist hier vielerorts voll am Start und ich weiß manchmal gar nicht, welchen Cowboy ich zuerst mit einer Geste oder einem bösen Kommentar erschießen soll… aber auch hier: Es gibt auch viele Gegenbeispiele!

Und wie schön, dass man nie weiß was der Tag so bringen wird und wen man morgens am Frühstückstisch oder abends im Schlafsaal findet… Mal ist man ganz alleine, mal sitzt man plötzlich früh morgens an einem Tisch mit einer Amerikanerin, die im Norden der USA als Krankenschwester in einem Indianerreservat arbeitet und sich in ihrer eigentlichen Unterkunft ausgeschlossen hat, dem Besitzer des Hostels, der seinen Anwaltsjob geschmissen und stattdessen das Hostel am scheinbaren Ende der Welt gekauft hat, einem Kanadier, der Kooperationen für Fair Trade Kaffee in Afrika und Zentralamerika koordiniert und einem Deutschen und seiner mexikanischen Frau, die halb in Guadalajara in Mexiko und auf den Philippinen leben. Man kommt ganz schnell zu Themen, die man eigentlich leider eher selten im Alltag bespricht: Was einem wichtig ist im Leben, wo man hin will im Leben und was man gerne anders hätte. Eine Szene wie aus dem Traveller Bilderbuch zu der ich staunend das obligatorische Bohnenmus-Eier-Tortilla Frühstück verdrücke, das mir hoffentlich nicht bald zu den Ohren raus kommt. Manchmal trifft man dann aber auch einfach nur ziemlich dumpfe Partytouristen, die sich abfällig bis rassistisch über die „Locals“ äußern und einen tierisch aufregen! Fast jeden Tag muss man seine Sozialkontakte neu knüpfen und aufbauen, das kann je nach Tagesform und Gegenüber einmal spannend und toll oder aber auch unheimlich anstrengend und nervend sein. Langweilig wird es aber nicht und es ist interessant zu beobachten, wie man sich in einer Welt völlig ohne soziales Netzwerk und soziale Strukturen zurecht findet. Es ist mal was anderes, erst einmal ohne diesen Kontext von den anderen beurteilt zu werden und Kontakt aufzunehmen. Ich habe auch gelernt, mich mehr auf die Menschen einzulassen obwohl ich zunächst versucht bin die Nase zu rümpfen weil mir auf Anhieb irgendetwas an ihrem Verhalten oder Aussehen nicht passt…Ich denke, keiner von uns ist völlig frei von solchen Mechanismen… Und siehe da, meistens entdeckt man erstaunliche Persönlichkeiten!

Nach einem eher unfreiwilligen Hauptstadthopping durch Tegucigalpa und morgen einem Stop in Managua, Nicaragua freue ich mich schon die ruhigeren Ecken Nicaraguas zu entdecken und bin gespannt, wen und was ich alles dabei finden werde!

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