Japan I

DSC02378Tokyo elektrisiert.

Die Stadt ist überraschend ruhig und entspannt: Die Menschenmassen laufen geregelt aneinander vorbei, der Verkehr ist mäßig und alles ist ziemlich leise (bis auf Nina und mich, die munter laut drauf los quasseln…), die Straßen sind breit und es gibt zahlreiche Parks.

Aber viele meiner Klischees werden aber auch erfüllt: Die Straßen, die Hostels und alles andere sind ultrasauber, die Menschen super freundlich und zuvorkommend, alles ist voll von Regel- Verhaltens- und Verbotsschildern und Personal, dass dir bei allem zur Hilfe kommt z.B. den Weg an einer winzigen Baustelle auf einer menschenleeren Straße vorbei. Nichts riecht unangenehm, es gibt nicht einmal den übliche Abgasgestank. Alles ist pünktlich, komfortabel und akkurat. Selbst das Licht scheint glasklar auf die Straßen und Häusers zu fallen. alles ist voller Knöpfchen, Tön und sonstiger kleiner elektronischer Gimmicks, es gibt beheizte Toilettensitze und so viele Knöpfe neben der Toilette, dass ich nur schwer meine Neugierde bezwingen kann, wild drauf herum zu drücken, und zu schauen was passiert…Zwar sind die Piktogramme auf den meisten Schaltern recht eindeutig- aber was, wenn ich mit einem weniger offensichtlichen Knopf eine Katastrophe hervorrufe? Kann eine japanische Toilette einen Schleudersitz haben?!

Die Pop- und Shoppingkultur hat es uns auch schnell angetan. Blinkende Neonreklamen, überall Manga Comics, Powershopping, Regale voller Produkte, deren Sinn man nur erahnen kann, Fashionparadiesvögel, Spielhöllen mit Automaten und Computerspielen voller Japaner, die wilde Verrenkungen vollführen, starkgeschminkte Mädchen mit aufgeplusterten Röckchen in Neonfarben voller Schleifen die so aussehen wie Japanische Barbiepuppen… Nina und ich hüpfen durch die Straßen wie kleine Kinder, die sich über ihre Weihnachtsgeschenke freuen, mit großen Augen und einem Lächeln im Gesicht.

Also Kulturschock? JA! aber ein sehr angenehmer. Nepal und Myanmar waren wunderbar, aber Japan übertrifft beide wohl noch an Exotik und Ausgeflipptheit, obwohl vieles ähnlich ist wie bei uns. Tokyo bringt mich zum Lachen und Staunen und meinen Kopf zum Purzelbaumschlagen. Mag sein, dass die Japaner einen Riesenknall haben, ich finde ihn bis jetzt ziemlich sympathisch. Schon nach 2 Tagen Japan ahne ich, dass 3 Wochen wohl nicht genug sein werden, die schönste Gier von allen, die Neugier, zu stillen, die mich wie ein Stromschlag nach einem beherzten Griff in die Steckdose erfasst. Hundemüde lege ich mich die ersten 2 Nächte ins Bett, kann aber kaum einschlafen von der seltsamen Energie, die die Stadt mit ihren Reizflashs an mich abgibt.

Geishas, Mangas, Kimonos, Sushi, Samurai, vollgestopfte Metros, Neon, Fukushima, Mundschutz, Kirschblüten, Kaligraphie, Zedern und Kraniche, Bonseigärten, Eis mit Spinatgeschmack, Fengshui, Harakiri, Kamikaze, Origami, Karate, Zen Meister…mir war gar nicht bewusst, was für eine Bilderwelt ich bereits vor meiner Ankunft im Kopf hatte. Nun wartet sie darauf, von der Realität in die Pfanne gehauen oder beflügelt zu werden. Wie immer genieße ich es bei solchen Klischees wenn mein Verstand oder meine Vorstellung gegen die Wand läuft, nämlich dann, wenn die Realität mir zeigt, wie blind mich meine eigene Vorstellung gemacht hat. Dann hab ich Schlaumeier wieder was dazu gelernt!

Kyoto erreichen wir im grauen Nebel. Eintönig liegt die Stadt vor uns, als wir vom Dachgarten des hypermodernen Bahnhofs auf sie herab schauen. Der Schein trügt aber und die Stadt blüht in den nächsten Tagen vor unseren Augen auf: Das etwas trübe Wetter verstärkt eher die mystische Stimmung als wir durch die tausenden roten Holztore des Fushimi-Irani-Schreins schreiten und durch das Staunen über die ganzen Altäre voller Füchse mit roten Lätzchen und das Atmen der Waldluft kaum etwas vom Aufstieg auf den Berg bemerken den unsere Beine da leisten. Auch die Straßen mit niedrigen alten Holzhäusschen, aus denen jeden Moment eine Geisha tippeln könnte, der nahe Bambuswald und die vielfältigen Tempel und Parks bringen uns zu andächtigen Seufzern und glücklichen Lächeln, die uns unsere vom Laufen oder Radfahren lädierten Beine fast vergessen lassen. Nach unserem Ausflug auf die Insel Miyajima bei Hiroshima mit ihrem berühmten schwimmenden Tor, das wie ein rotes Schriftzeichen aus dem blauen Wasser ragt und der tapferen Besteigung des höchsten Bergs der Insel können wir die Schwere in unseren Beinen nicht mehr ignorieren – aber egal, der Ausblick über die benachbarten Inseln und das Festland, die Wälder und das Meer machen alles wieder gut. Und die Fahrt mit dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug „Shinkanzen“ im Anschluss trägt uns schnell und weit fort – ohne dass wir unsere Beine benutzen müssen.

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