Nepal III

DSC01102Ich liebe Bus- und Zugfahrten. Es ist fast wie einen guten Film schauen, so spannend sieht alles draußen aus… Ich kann Stunden damit verbringen aus dem Fenster zu schauen ohne dass mir langweilig wird. Manchmal muss ich lachen weil es draußen schön oder lustig ist, manchmal grusel ich mich, wenn der Bus wieder an einem ausgebrannten Autowrack vorbei fährt und manchmal schießen mir leider auch die Tränen in die Augen bei dem was man draußen so sieht, wenn man z.B. mit dem Bummelbus durch die nicht für den Tourismus glattgebügelten Vororte von Katmandu holpert: Müllberge, verschmutzte Flüsse, Schuttwüsten und massenweise Hütten aus Pappe und Plastik, die man schon fast nicht mehr als Behausung bezeichnen kann. Obwohl ich gemerkt habe, dass ich mittlerweile generell relativ routiniert und abgehärtet bin, mich nicht mehr von den Myriaden an Leuten, die auf einen einstürmen sobald man aus dem Bus steigt um dir irgendetwas anzudrehen, nervös machen lasse, Situationen besser einschätzen und angemessener reagieren kann und mir nicht mehr so schnell den Magen verderbe (toitoitoi!!!), bei solchen Anblicken fühle ich wie immer und immer wieder nur Ratlosigkeit… Scheiß Film, die Realität, manchmal…

Nun hüpfe ich zunächst im Chitwan National Park aus meinem Kino. Im Himalaya-Streichelzoo ging es um Berge und Natur, hier geht es nun um appetitlich serviertes Wildlife Watching… Im Einbaum treibt man morgens im Nebel den Fluss runter und um einen rum tummeln sich Eisvögel, Storchenarten, Marabus, abgefahrene Entenarten, Papageien, Reiher, und diverse Zugvögel aus Sibirien und der Mongolei.

Dann steht da plötzlich auf einer Insel im Fluss ein Nashorn. „Ran an den Speck!“ oder so etwas Ähnliches meint unser Guide und wir „schleichen“ uns an. Zum Glück ist das Vieh alt und macht keine Faxen, sondern steht da ganz still und lässt sich fotografieren…

Die Einweisung in Verhaltensweisen bei Begegnungen mit den wilden Tieren bekommen wir nämlich erst, als wir endgültig an Land gehen: Bären bekommen eins oder mehrere aufs Maul, falls man ihre Schnauze nicht eh sofort im Gesicht hängen hat. Tigern schaut man in die Augen und weicht langsam zurück. Bei Nashörnern klettert man auf den nächsten Baum falls sie mit 40kmh auf einen zu trampeln. Und bei wilden Elefanten: Beine in die Hand nehmen! Ich mache mir darüber eine geistige Notiz, aber bin mir sicher, egal welches Tier da unerwartet vor mir steht, ich kreische einfach los und bin innerhalb von 2 Minuten platt!
Als nächstes liegt mitten auf dem Weg eine dicke fette Königskobra, und unser Guide, der schützend voraus geht, übernimmt das Kreischen für mich. Zum Glück verkriecht sich das Vieh schnell. Hatten wir ja gar nicht besprochen, die Königskobra. Uff.

Das war es aber auch dann zum Glück mit den gefährlichen Wildtieren, und während wir durch 3 m hohe Gräser und durch das Unterholz stapfen war ich dafür auch eigentlich ganz dankbar. Nur ein paar Affen, Rehe und wilde Hühner begegnen uns noch.

Zurück im Dorf werden mein englischer Safari-Mitstreiter Rob und ich dann wieder frech und verbringen den Rest des Tages damit, auf Hunde und Hühner zu deuten, uns in pseudo- Expeditionen-ins-Tierreich-artiger Manier an sie heranzupirschen und uns über uns selbst und den ganzen Safarikram kaputt zu lachen.

Immer noch besser als der peinliche Australier, den wir am Abend vorher beobachteten: Er goss sich vor seinen Freunden und vor den verständnislos dreinblickenden Nepalesen, wahrscheinlich als Mutprobe, einen ganzen Eimer Elefantenpisse über den Kopf und hat sie z.T. auch noch getrunken. Rob und ich waren uns einig: Das zeugt doch eher von absoluter Doofheit als von Mut!

Am nächsten Tag sind wir rauf auf die Dickhäuter. Nachdem ich meinen Lachflash bezwungen habe, weil man auf die Elefanten tatsächlich mit einer Gangway raufklettert, ist es echt faszinierend auf dem Tier durch den Morgennebel zu wackeln, und sich etwas besser vorstellen zu können, wie es wohl ist, so ein tonnenschweres Lebewesen zu sein: Bedächtig Fuß vor Fuß zu setzen, sich mit dem Rüssels die rissige Haut mit den piksigen schwarzen Härchen zu kratzen oder friedlich nach Grasbüscheln und Farnen damit zu grapschen. Wenn doch bloß nicht der blöde Mensch wäre, der auf dem Kopf sitzt und einem ständig die Füße in die empfindlichste Stelle hinter den Ohren rammen würde und so verhindert, dass man sich im Fluss mit Wasser einspritzt und zum Fressen stehen bleibt…Der morgendliche Wald voller Affen, Rehen und Pfauen könnte so schön sein!

Zum Abschluss noch eine Radtour durch Rapsfelder, Heuberge und gar nicht so heruntergekommene (wenn auch einfache) Lehmhüttendörfer voller Ochsenkarren, Ziegen, Hühnern, hunderten von Schulkindern, und den Rest ihrer Familien vor den Häusern. Die Meisten schenken uns 2 der schönsten Dinge, die man einem Fremden so schenken kann: Ein herzliches Lächeln und eine gehörige Portion Neugierde, der notfalls auch mit Händen und Füssen Luft gemacht wird, falls das Englisch oder unsere 5 Wörter Nepali nicht ausreichen. Manchmal wird es zwar etwas viel mit der Neugierde, aber wenn das Englisch gut genug ist werden meine Gesprächspartner ebenfalls mit Fragen befeuert, schließlich bin ich genauso neugierig.
Nun bin ich wieder zurück in Katmandu und Umgebung (Patan und Bhaktapur) und bestaune die vollgestopften Strassen und Tempel und die Aussichten auf den Dachterrassen. Ich komme immer noch nicht über die Tatsache hinweg, dass man hier innerhalb einer halben Stunde und in einem minimalen Radius ganze wunderbare Fotobücher mit Aufnahmen füllen könnte. Den Sepiafilter kann man dabei getrost weglassen, alles ist bräunlich, die Ziegel, die Holzrahmen der Häuser, das Licht und die rote, staubige Luft und der Staubfilm, den sie auf den ganzen verwunschenen Ecken hinterlässt.
Ganz zu schweigen von den Gesichtern der Menschen in den Straßen. Jedes so anders als meine Sehgewohnheiten. Kein Wunder, dass die Leute hier mich umgekehrt so anstarren als käme ich vom Mond während man selbst staunend durch die für sie völlig alltäglichen Strassen läuft… Ich würde gerne mal sehen was die Einheimischen hier sagen, wenn man sie in ein total normales Wohngebiet in Deutschland versetzt…Obwohl es da nicht so viel zu schauen gäbe, denn die Dinge, die bei uns meistens im trauten Heim stattfinden kann man hier alle auf der Straße beobachten: Arbeiten, Essen zubereiten, sich waschen, schwatzen, Tee trinken, Nickerchen machen, Karten spielen, Dinge verkaufen…
Nun bin ich aber dann auch etwas reisemüde und werde die letzten Tage in Katmandu einfach „gar nichts“ tun, d.h. stundenlang in den Cafés des Touristenghettos oder auf der Hostelterrasse in der Sonne sitzen, richtigen Kaffee trinken und aus meinem Buchvorrat lesen, der stets zu- und nicht abnimmt weil ich an den Bookexchanges und Second-Hand Buchläden nicht vorbei gehen kann… Und außerdem Löcher in die Luft starren, lange Schlafen und vor mich hin träumen. Zeit zur freien Verfügung zu haben und ebenso frei zu sein, um mit dieser Zeit auch tatsächlich zu machen was man will, also einfach auch mal abhängen anstatt von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu rennen ist für mich der größte Luxus, den ich mir vorstellen kann. Das ist auch gar nicht so einfach wie man denkt, zuerst habe ich ständig geglaubt, ich nutze die Zeit nicht effektiv und verpasse etwas. Und „nichts tun“ bedeutet ja auch nicht, dass nichts passiert, im Gegenteil, man gibt den Dingen im Kopf ja Zeit sich zu setzen und sich zu entwickeln und dabei geschieht jede Menge! Deswegen: Egal wie schäbig die Unterkunft, wie kalt die Dusche und wie oft der Strom ausfällt – ich fühle mich wie eine Königin, denn Luxus beginnt im Kopf, finde ich

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