Nepal II

DSC00987„Nature is the only ruler – I shit on flags.“

(Reini Messner in seinem super Englisch, wahrscheinlich zum Yeti)

Eigentlich wollte ich das Wort „trekking“ schon auf meine persönliche Liste der Unwörter des Jahres 2012 setzen, denn nach einer Woche Nepal konnte ich es schon nicht mehr hören:

„Are you going trekking?““Where do you go/ have you been trekking?“ „do you need a trekking guide/ trekking gear?““Why not go trekking?“ …okay, okay, okay, damit endlich Ruhe ist, dann geh ich eben trekken, die ganzen als Jack Wolfskin verkleideten Traveller und die hunderte vom Trekkingtourismus abhängigen Nepalesen können nicht irren, oder?

Und sie hatten tatsächlich Recht- es war ganz gewaltig groß!

Meine 2 Aussie-Mitstreiterinnen und ich haben uns die Beine 5 Tage lang bei bester Laune ruiniert: Durch verschlafene Dörfer, vorbei an Wasserbüffeln (Yaks gibt es hier nicht mehr, waren zu kostspielig!), märchenhafte Rhodondendronwälder, Felder und Gräsersteppen, in der Dämmerung, bei Schnee und Regen und strahlendem Sonnenschein hoch und runter (so 2500 Höhenmeter – Reinhold würde über diese Leistung wahrscheinlich nur verächtlich kichern…) durch das Himalaya-Gebirge, oder die Vorläufer zumindest.

Ich war sogar 5 min. allein auf einem Berggipfel (Okay, es war eigentlich nur ein Hügel zwischen Berggipfeln, aber immerhin 3200m!) in sternenklarer Nacht. Von Schlaflosigkeit durch die dünne Luft geplagt bin ich früh alleine den Hügel hochgekraxelt und habe dann so viele Sternschnuppen auf einmal gesehen dass ich gar nicht mehr mit dem Wünschen nachgekommen bin…Es war magisch!

Dann kamen die Nepalesen vom Teestand hochgeschnauft und haben laut Eurodance-Mucke angemacht dicht gefolgt von den kleinen Elektrosternchen-Taschenlampen anderer Möchtegern-Reinhold Messner wie ich. Kreischend kommen die anderen hochgekeucht, leuchten sich gegenseitig mit ihren Kopflampen ins Gesicht und fuchteln ängstlich mit ihren Kameras herum. Was, wenn man diesen wichtigen Moment nicht vollständig dokumentiert und festhält? Stattdessen könnten sie ruhig auch einmal auf diese geniale Stille zu hören, anstatt laut zu brüllen. Ach so, da war ja jetzt auch noch die Musik vom Teestand…Und vielleicht mal mit eigenen Augen statt durch die Kameralinse auf das Naturspektakel, das sich vor ihnen ausbreitet, blicken. Tourismus kann so lächerlich sein.

Denn egal wie gut auch die Kamera ist, man muss schon davor stehen um eine Idee davon zu bekommen, was für ein Gefühl das ist, wenn die Sonne orangegelbrosa am Himmel aufgeht und die Berge sich 360 Grad um dich herum aus der Dunkelheit heben…Fast unfassbare Dimensionen! Räumlich und auch zeitlich, wenn man sich überlegt, wie unglaublich lange es wohl gedauert hat, bis diese 8000m hohen Kolosse entstanden sind. Und so schön und erhaben. Stundenlang könnte ich zuschauen wie die Wolken an den Gipfeln hängen, aus den Tälern steigen und sich alles vor dieser ewigen Kulisse ständig durch Licht und Wind verändert. Manchmal weiß man nicht mehr wo Berg, Himmel oder Wolken aufhören und anfangen. Und das Schauspiel wenn sich die Berge und Wolken von weiß über rosarot zu gold und dann zu grau in der Abenddämmerung verfärben…Großartig.

Als ich vom Berg runter kraxelte, es war schon längst hell und alle anderen schon beim Frühstück, begegne ich dem Japaner, der seit 2 Tagen die gleiche Strecke wanderte wie wir. Immer voraus, immer die bessere Unterkunft und die besten Fotos sowieso… Jetzt meint er mit einem schiefen Lächeln: „Habe verschlafen!“ und kratzt sich am Kopf. „Na endlich machst du mal richtig Ferien!“ meine ich zu ihm. Wenigstens ein Tourist der noch richtig tickt!

Meine Faszination für die Berge nimmt in den folgenden Tagen auch nicht ab, sobald ich einen Schneegipfel vor der Nase habe freue ich mich erst einmal ein paar Stunden darüber und versinke im Anblick – falls ich nicht gleichzeitig durch die Gegend stolpern musste… Abends z.B., wenn man sich mit den nepalesischen Gastgebern um den einzigen Ofen im Haus scharrt, meistens mit Ausblick auf die Berge. Gegen 19 Uhr schleppt man seine müden Knochen, die man vorher mit einer warmen Dusche (gibt es zum Glück meist!), Tee, Ofen, Essen und vielen schönen Bildern im Kopf aufgewärmt hat, durch ein paar dunkele Gänge in seinen Schlafsack unter 2 dicken Decken (keine Heizung in den Zimmern) und ist einfach unglaublich zufrieden. Ich war echt fast traurig, als es dann zurück nach Pokhara ging.

Und dann komme ich nach 5 Tagen in den Bergen wieder in Pokhara an, bestelle glücklich einen Masala-Tea an einer kleinen Bude am Straßenrand und höre: „Hello Miss, what’s your name? Are you going trekking!?“ Ahhhhhrgh!!! Jetzt geht DAS schon wieder los…

Nein, ich gehe jetzt erst mal Elefantenreiten und auf Dschungelsafari und zwar freiwillig bevor ich damit abgenervt werde! 🙂

 

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