Nepal I

DSC00882Habe jetzt grade schon wieder den Travellerklassiker erlebt: Man sitzt im Internetcafé, alles tippt so vor sich hin, plötzlich zack bum, alles zappenduster, ein kollektives NOOOOOOO! lässt den Raum erbeben… Strom weg…aber der Nachbar hat einen Generator…Aber auch im benachbarten Internetcafé hier, in dessen halbe hölzerne Stockwerke ich hineingekrochen bin wie Alice im Wunderland in den Kaninchenbau, flackert der Bildschirm mit jedem Atemzug bedrohlich während ich auf die buchstabenlose, verklebte Tastatur einhämmere. Sorry für die eventuell fehlende Groß und Kleinschreibung, die Umstelltaste ist extrem verklebt. Vielleicht kann ich ihr wenigstens auch meine schlechte Rechtschreibung in die Schuhe schieben. also noch einmal von vorn:

Um in Katmandu zu staunen braucht man wirklich nicht viel zu machen – man setzt sich an eine x-beliebige Ecke im Getümmel der Straßen und wartet. Meistens dauert es nur ein paar Sekunden bis etwas passiert: Ein Staubwedelverkäufer stolziert bunt wie ein Pfau an dir vorbei. Zwei Schulkinder in Uniform stupsen sich an und zeigen tuschelnd auf dich. Ein Äffchen hüpft über die Straße und grapscht nach dem Hund, der dösend neben dir liegt. Zwei Frauen in bunten Saris rauschen vorbei, dicht gefolgt von endlos vielen rasend hupenden Motorrädern, die keinen Verkehrsregeln zu folgen scheinen, ein paar orange gekleidete Mönche mit Nike-Schuhen, vielen Lastenträgern und rappeligen Bussen. In die Nase dringen Gerüche von verbranntem Müll, Staub, Räucherstäbchen, Gewürzen und Abgasen. Durch das Gehupe der Autos, dem Gekreische von spielenden Kindern und dem Geschrei der Verkäufer hört man die laute Musik aus dem zweiten Stock gegenüber. Vielleicht kommt auch noch einfach jemand vorbei, der kräftig und geräuschvoll knapp neben deinem Fuß rotzt. Welcome to Katmandu!

Sollte wirklich eine Minute einmal nichts passieren kann man auch einfach seine Umgebung betrachten: Den knorrigen breiten Baum auf der Verkehrsinsel gegenüber, die verschnörkelten und halb verfallenen Holzfenster der Gebäude, die Gemüse- und Fleischhändler und ihre Auslagen, die winzigen Holztüren im Erdgeschoss, hinter denen sich noch winzigere Werkstätten aller Art befinden, den Tempel gegenüber, die 1000 Stromkabel, die sich durch die Straßen ziehen…

Die Stadt scheint zu leben wie ein riesiger Organismus, alles morpht sich ineinander. Mehrfach habe ich völlig fasziniert beobachtet, wie z.B. am Tempel öffentliche Telefone angebracht sind, er aber gleichzeitig auch als Spielplatz, Warenauslage, Frisöratelier und Stromkabelhalter dient, und fließend auf der einen Seite in eine Müllkippe, auf der anderen Seite in einen Wassertank übergeht, zusätzlich noch durch einen Baum und einige Wäscheleinen verbunden. Das Improvisierte kann aber genauso schnell wieder verschwinden: die Wand, an der ich mich orientiert habe um mein Hostel zu finden war von einen auf den anderen tag plötzlich verschwunden und ich hab doof geschaut…

Das Treiben der Menschen hier schien mir anfangs weniger Hand und Fuß zu haben als das Treiben in einem Berliner Club um 8 Uhr morgens, aber wenn ich die erstaunten Blicke der Nepalesen so auffange während ich staunend durch ihren Alltag stolpere denke ich dass sie meinen Schatten wahrscheinlich genau so sympathisch wie ich ihren finden!

Obwohl ich die ganzen hinduistischen und buddhistischen Gottheiten und ihre Reinkarnationen, Buddhas, Bodhisattwas und ihre Funktionen und Geschichten nie im Leben alle behalten könnte (das Christentum zieht hier mit seinen paar Aposteln und heiligen eindeutig den Kürzeren!) bin ich doch wirklich beeindruckt von den scheinbar tausenden Schreinen, Tempeln, Stupas und Klöstern, die die Stadt übersäen: Vom handtellergroßen Schrein der mit Blumen und roten Farbkleksen geschmückt wird und irgendwo an einer Hauswand befestigt ist über alte buddhistische Klosterinnenhöfe und kleine Tempel auf Plätzen, die sich hinter engen Durchgängen öffnen, bis zu riesigen Tempelkomplexen wie Katmandus Durban Square oder die Bodhnathstupa, die größte Stupa Asiens, man kann kaum 3 m gehen ohne nicht wieder über eine religiöse Stätte zu stolpern, an der Kerzen und Räucherstäbchen brennen, Blumenketten hängen, und Menschen beten, Opfergaben bringen und Amulette kaufen.
Bei all den schön schrecklichen Geschichten über heilige Orte, die Entstehung des Katmandu Tals und die einzelnen Gottheiten und deren Erlebnisse darf man die harte Realität hier in Nepal nicht vergessen. Eine hohe Analphabetenrate, viel Korruption, kaum Pressefreiheit, eines der 10 ärmsten Länder der Welt (Jahreseinkommen durchschnittlich 250 $)…die Fakten kann jeder nachschlagen, aber im Alltag bewundere ich einfach die Kreativität der Menschen mit wenig zu improvisieren und hatte auch schon viele Aha-Erlebnisse, wie wichtig manche Dinge wirklich sind, die wie für unseren hohen Standard zu brauchen glauben. Nicht, dass ich es nicht toller fände, wenn jeder einen Palast mit Pool hätte, aber wenn ich sehe dass fließend Wasser hier ein Luxus ist, dann würde uns vielleicht bei unserem ständigen Gemecker wie schlecht alles ist doch ein bisserl Bescheidenheit gut tun, allen voran mir selbst bei meinem patzigen Unmut über kalte Duschen, Stromausfällen und langsames Internet… Irgendwann musste ich dann wirklich herzlich über mich selbst lachen! Kurz: es geht mir saugut!


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