Bolivien II / Peru: Hexen, Sonnenkönige, Pachamama und der alte Berg

La Paz

La Paz

Bolivien hat in den letzten Wochen noch viel mehr Diamanten für uns aus der scheinbar unerschöpflichen Schatzkiste gezaubert:

Zunächst die Hauptstadt La Paz auf 3600 Meter. Irrer Ausblick, wenn man von oben in den Talkessel hineinfährt und sich das Gewirr der ganzen Backsteingebäude, die sich an den Hang klammern, vor einem ausbreitet. In den Gassen und in El Alto, einer Stadt die fast noch zu La Paz gehört, brodelt das Leben während man keuchend und staunend hoch und runter rennt. Überall, so scheint es, ist Markt, und neben Turnschuhen, Brot und Elektronikartikeln hat mich am meisten die Straße mit den ganzen Naturheilmitteln und Hexenmittelchen geflashed. Von abertausenden von getrockneten Lamaföten, die man hier unter die Grundsteine der Häuser legt um böse Geister zu vertreiben, Liebespulver und allen anderen möglichen Pülverchen und Tinkturen bis zu Opfergaben an die Pachamama (die Göttin Mutter Erde, die die indigenen Völker hier verehren) kann man hier fast alles finden. Ansonsten ist es hier wie in jeder anderen Großstadt auch: Kinos, Restaurants, Clubs, Museen, Kirchen, Parks und jede Menge Verkehr natürlich.

Dann der Titicacasee, dieses riesige Stück Tiefblau auf 3800 Meter Höhe, in dem die Isla del Sol (die Sonneninsel) liegt. Laut Inkamythologie wurde auf dieser Insel die Sonne geboren und wenn man den einsamen Bergkamm der Insel entlangwandert und rechts und links erstreckt sich erst die Insel mit ihren grünen Terrassenbeeten, vereinzelten Häuschen und Schafherden, dann der riesige blaue See mit seinen Inseln und schließlich in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Anden und über allem die weißen Wolken, die Sonne und der Himmel, dann glaubt man schon fast auch an die Geschichte von der Geburt der Sonne, so überwirklich und schön ist alles.

Und schließlich der Regenwald. Alleine der Flug war ein Erlebnis (mit dem Bus braucht man je nach Wetterlage und Straßenbeschaffenheit 24-44 Stunden): In einer ratternden 20 Personen-Minimaschine fliegt man dicht vorbei an Andengipfeln und über grün glitzernde Urwaldlandschaften hinweg. Wenn man sich am Boden dann vom Luftfeuchtigkeits- und Sauerstoffschock erholt hat kann man erneut staunen über die 1000 verschiedenen Pflanzen, Geräusche und Gerüche, die der Urwald einem bietet. Ich konnte mich nicht satt sehen an den Urwaldriesen, in denen angeblich die Pachamama wohnt, den Blumen, Lianen, Pilzen, Moosen, Früchten, Farnen, Palmen, Insekten, Affen, Seen und was es sonst noch so gab, konnte nicht genügend die Luft in meine Lungen pumpen, die nach Waldboden, Blüten, Verwesung, Moosen und 100 anderen unbekannten Dingen roch und wurde es nicht satt, den Geräuschen zu lauschen (mindestens 10 verschiedene auf einmal), die durch Wind und Regen und durch die Tiere entstanden, denn im Urwald ist es NIE still, weder Tags noch Nachts. Ein sehr angenehmer wenn auch ohrenbetäubender Lärm.

Leider hatten wir für Peru nicht so viel Zeit übrig, sodass wir nur die Stadt Cuzco und den Machu Picchu besucht haben. Obwohl beides unglaublich touristisch ist vergisst man doch die Welt um sich herum, die schmerzende Lunge, die eiskalten und klatschnassen Füße und wahrscheinlich auch sämtliche anderen Wehwehchen und Sorgen, wenn man um 8 Uhr morgens im strömenden Regen und nach einem harten Aufstieg auf dem Waynapicchu, dem „jungen Berg“ gegenüber des Machu Picchu steht und der Wolkennebel aufreißt und den Blick auf die Inkastadt unter einem freigibt. Unvergesslich auch die Baukunst der Inka aus der Nähe, wie schlau sie die natürlichen Gegebenheiten in ihre Bauwerke integrierten, während wir ja eher gegen die Natur konstruieren und leben, und die beeindruckend einfache und logische Kosmologie und Religion, die sich an der Natur orientierte. Wie anders und in vielen Dingen sehr viel schlauer als unser heutiges Leben erscheint mir das alles! Umso ungerechter, dass die Indígenas Lateinamerikas, die ja größtenteils von diesen Naturvölkern abstammen und viele Bräuche noch pflegen, immer noch hart für ihre Rechte kämpfen müssen und von vielen als minderwertig betrachtet werden.

Bei so viel Faszination für die Natur, die Städte, die Menschen, Legenden und Naturvölker kann man natürlich auch nicht übersehen, dass Peru und vor allen Bolivien sehr arme Länder sind und man auf den Straßen teilweise unglaublich ärmliche Verhältnisse sieht, sobald man in die Häuschen und Hinterhöfe blickt.

Es gibt auch wieder jede Menge unzureichende Fotos von dem ganzen Kram! Glücklicher Weise, denn wir haben die Kamera, die Fabi im bolivianischen Internetcafé liegengelassen hatte wiederbekommen! Soviel zum „Langfingerland“ Bolivien…

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