Chile III: La Chi-lena

Start, 3 Mal huepfen und dann am Ziel...wenns doch immer so einfach waere ;)

Start, 3 Mal huepfen und dann am Ziel…wenns doch immer so einfach waere 😉

Es ist schon verwunderlich, wie lange man tatsächlich braucht um diese typisch deutsche Verbissenheit und Effizienz abzulegen, die einem so oft im Leben eingeschärft wird. Nach 4 Monaten Reise mache ich immer größere Fortschritte mich nicht mehr abzuhetzen um viel zu sehen, sondern einfach auch mal abzuhängen, sich fallen zu lassen und die kleinen Dinge zu genießen, die ja genauso wichtig sind. Wie z.B. die tolle Bergkulisse im chilenischen Süden, der ich zugunsten einiger Tage in einem verschlafenen Kaff im Norden eine Absage verpasste.

Ich bin ja auch eigentlich wirklich nicht die Queen das Socialisings aber hier in Chile fallen mir die Sachen dermaßen in den Schoß, es ist schon fast abartig. Nicht nur, dass ich von ein paar chilenischen Müttern fast adoptiert worden wäre, weil sie so hingerissen von mir waren und sich mein Notizbuch mit Handynummern füllt, die ich unbedingt anrufen soll, wenn ich irgendetwas brauche, auch die Hostels, in denen ich gelandet bin gehörten ausschließlich schnuckeligen alten Damen oder liebenswerten Familien, mit denen man sich auf der Veranda oder im Innenhof unter Feigenbäumen verquatscht während einem eine schnurrende Katze auf dem Schoss sitzt oder ein Mädel versucht, in meine verschnittene Frisur Zöpfchen zu flechten.

Exkurs zur anderen Seite der Medaille: Die Männer auf der Straße bekommen sich aber leider auch in den Käffern nicht ein, wenn sie einen erblicken. Auch ohne Modelmaße und Designerklamotten kommt man sich vor wie auf dem Laufsteg und man ist froh, wenn einen die Typen nur anstarren und keinen blöden Kram labern. Hier hilft nur noch volle Lautstärke aufm IPod, wenn man in der selbstkreierten Pennercollection 2011 (Flipflops, Schlabberhosen und ausgewaschenes fleckiges T-Shirts) an ihnen vorbei rauscht. Selbst die Museumswächter haben irgendeinen Spruch aufn Lippen. Kauft euch doch ein Männermagazin oder macht eurer Frau Komplimente und lasst „Barbie“ in Ruhe mit eurem lächerlichen Anmach-Tourette, damit sie auch mal Zeit hat, sich ein paar blöde neue Sprüche als Antwort auszudenken! -Zum Glück sind aber auch nicht alle so, man trifft auch auf erfrischend normale und respektvolle Chilenen und ich hoffe, in Brasilien starren die Typen dann alle auf die sexy Brasilianerinnen und lassen mich in Frieden.

In La Serena, einem netten Städtchen am Meer voll mit chilenischen Ferientouristen, hab ich dann beim Frühstück Kerstin, Chris und Mike kennen gelernt, und da uns vor Lachen nach 2 Stunden immer noch nicht die Bauchmuskeln weh taten, haben wir beschlossen, zusammen ins Valle Elqui zu fahren. Dort werden die Trauben für den Pisco, das chilenische Nationalgetränk angebaut und es ist herrlich ländlich und entspannt. Im winzigen Vicuña sind wir kleben geblieben haben viel Eis gegessen, sind durchs die Dorf geschlendert, haben die Leuten auf den Plätzen beobachtet, Pisco getrunken und am leicht grün angelaufenen Pool im verwunschenen Garten unseres Hostels gesessen. Sportlich waren wir aber auch, denn auf ein paar Berge in der Umgebung sind wir dann noch rauf. Außerdem war ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Observatorium, durch das Teleskop die Sterne und den Mond anschauen.

Die letzten Tage hab ich dann wieder in Valparaíso und Santiago verbracht und natürlich gab es da immer noch endlos viel zu entdecken und zu beobachten. Aber auch für so herrlich banale Dinge wie ins Kino gehen, im Park auf der Wiese liegen und lesen oder in Buchläden und anderen Geschäften stöbern, hatte ich jede Menge Zeit. Mindestens genauso gut wie irgendwelche Nationalparks! Dementsprechend belanglos sind dann aber auch die Fotos.

bei so viel schönem Alltag habe ich mich aber auch nicht vor der Geschichtslektion im „Mueso de la Memoria y de los Derechos Humanos“ (Museum zum Gedenken der Opfer der Diktatur und der Menschenrechte) gedrückt. Leider wurde mir nach eineinhalb Stunden in diesem sehr gut gemachten Museum, dass sich mit der Pinochet-Diktatur, den Morden, der Folter und den tausenden „Desaparecidos“ („verschwundenen“ Personen) sowie der Situation der Menschenrechte in der Welt beschäftigt, dermaßen schlecht, dass ich wieder dringend raus in die Sonne musste. Nicht nur in der Vergangenheit, auch in der Gegenwart befindet sich die ach-so-fortschrittliche Menschheit in Punkto Menschenrechten in sehr vielen Ländern noch in der Steinzeit, wie wir alle wissen. Aber man fällt doch echt vom Glauben ab, wenn man in fast jedem Land Gedenkstätten und Museen findet, in denen einen abertausend von Fotografien von ermordeten Menschen anstarren und die von der Blödheit der Menschen in immer anderer, aber doch irgendwie ähnlicher Form berichten.

Abgesehen von der Übelkeit und dem Emokater, den mir das Museum verpasste war Chile einfach ein Traum… auch wenn ich nur ein paar Städte und Dörfer in der kurzen Zeit sehen konnte hatte ich doch mehr Kontakt zu den Menschen und dem Alltagsleben hier als in manch anderen Ländern und ich verlasse das Land echt mit ein paar Tränchen in den Augen.

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