Chile II: VALPARAISO MI AMOR!

Valparaiso

Valparaiso

Eigentlich wollte ich ja von Santiago schwärmen: Die coole Unaufgeregtheit der Hauptstadt, das Straßenleben, die tollen Museen für Moderne Kunst, das wunderschöne, farbenfrohe Barrio Brazil mit seinen vor sich hin rottenden Altbauten in die ich sofort einziehen würde, die Graffitis, die Parks und das quirlige Barrio Buenavista mit seinen vielen Kneipen und Cafés…

Aber jetzt habe ich Valparaíso gesehen und Santiago ist vergessen. Die Stadt mit ihrem Hafen und Spelunken, der Meerluft, dem klaren Licht, den verwinkelten Straßen und den tausenden bunten, zum Teil verfallenen Häuschen, die sich an die vielen Hügel klammern aus denen die Stadt besteht, den vielen Aussichtspunkten und den vielen herrlich angegammelten und improvisierten Cafés, Galerien und Lädchen scheint mir besser als die perfekte Kombination von meinen beiden andalusischen Lieblingsstädten zu sein: Granada am Meer und Cadiz in den Bergen! Es tun einem die Beine und der Hintern weh von den steilen Straßen, die man hochgerannt ist, der Kopf schmerzt noch vom „Pisco Sour“, dem chilenischen Nationalgetränk, den man am Abend zuvor zu viel getrunken hat und trotzdem kann man dem Drang nicht wiederstehen, den nächsten Hügel hoch zu rennen um die nächste wunderbare Aussicht, die nächste bunte und bröckelige Häuserzeile oder das nächste großartige Stück Street Art zu entdecken. Wer nämlich denkt, dass Graffiti bloß aus diesen bescheuerten, kindischen Sprayer Tags besteht oder nur Verschmutzung weißer Wände ist, wird spätestens in Valparaíso eines besseren belehrt, denn die Stadt ist ein einziges großes Gesamtkunstwerk. Ob verträumt, politisch, witzig, geistreich, erotisch, frech, kritisch, einfach nur schön oder alles und noch viel mehr auf einmal, an allen Ecken entdeckt man wunderbare und interessante Kunstwerke an den Wänden, die einen zum Lachen, Nachdenken oder Träumen anregen oder einfach Freude machen. Die Stadt ist eine Liebeserklärung an diese Kunst aber auch an die Schönheit des Verfalls, an die Farben, an die Freude und an die schönen kleinen Dinge des Lebens, die man hier an allen Ecken entdecken kann… Manchen mag die Stadt zu heruntergekommen, zu dreckig und zu chaotisch sein, aber ich kann nur dem großartigen Pablo Neruda zustimmen, der lange hier lebte, und der diese Stadt sehr geliebt hat. Fantastisches Stückchen Erde.

Wie zu erwarten bleibt man in so einer Stadt auch nicht lange alleine sondern trifft auf die buntesten Leute: Waldemar und Douglas zum Beispiel, beide Chilenen, auch wenn die Namen nicht so klingen und Waldemar sogar fließend deutsch sprach. Ich habe sie an einem Aussichtspunkt kennen gelernt und sie haben mich kurzer Hand unter den Arm geklemmt um mir unter viel Gelächter die umliegenden Strände und das beste Seafoodlokal sowie gefühlt sämtliche Aussichtspunkte von „Valpo“ (wie sie hier Valparaíso nennen) und Umgebung zu zeigen. Ein unvergesslicher Tag.

Oder Jeff aus Austin, Texas, mit dem ich an einem Morgen auf der Jagd nach Graffitis völlig die Zeit vergessen habe, sodass es 4 Uhr nachmittags war, als wir das erste Mal staunend auf die Uhr schauten. Auf die Frage, wie lange er noch unterwegs sei, meinte er: Solange ich will! und als ich (gelb lila kariert vor Neid) frage, woher er die Kohle dafür bekommt verrät er mir, dass er immer Stunden oder Tageweise im Online Publishing von seinem Laptop aus arbeitet. Das sei zwar schlecht bezahlt, aber reiche, um zu reisen.  Na da konnte ich nur noch ehrfürchtig sagen: Respekt, Mann, du hast es echt kapiert!

Die Krönung war noch das kleine Hotel, in einem der alten Häuschen, in dem ich wohnte, geführt von der Familie, die im zweiten Stock wohnt. Man hatte das Gefühl, dass man bei Freunden untergekommen ist, so gemütlich waren die Zimmer und so herzlich war die Familie. Ich muss schnellstens aus dieser Stadt weg! Sonst bleibe ich für immer kleben oder sterbe an einem schweren Muskelkrampf in den Waden.

Vorher jedoch muss ich mit meiner heutigen Begleitung, einem struppigen Hund, der mir schon seit ein paar Stunden folgt und jetzt wahrscheinlich immer noch vor dem Internetcafé sitzt, noch ein paar Hügel erkunden. Ich bin gespannt, was ich heute noch alles entdecke.

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