Neuseeland III / Chile I: „Que hora son mi corazon?“

Redwoodbaum und ich

Redwoodbaum und ich

„Que hora son mi corazón?“ (auf Kölsch: „wie spät isset, Liebelein?“) sind tatsächlich die ersten Worte, die jemand an mich richtet, als ich ENDLICH chilenischen Boden betrete. Na heiliger Manu Chao, das fängt ja ausgesprochen gut an. Die alte Dame, die nach der Uhrzeit fragt, hat auch allen Grund dazu, schließlich sind wir durch die Datumsgrenze geflogen und somit 4 Stunden früher da als wir abgeflogen sind. Ich war froh, dass ich überhaupt angekommen bin, denn 2 Mal hintereinander konnte /durfte ich nicht abfliegen: Zuerst hatte die LAN, die Fluggesellschaft, mit der der Flug ging, Mist gebaut und ließ mich nicht am Bord, obwohl mein Platz auch für mich reserviert gewesen ist und ich überpünktlich war (eine äußerst kafkaeske Situation!). Danach würde der Ersatzflug gecancelt und wir konnten statt 16 Uhr nachmittags erst um 7 Uhr am nächsten Morgen losfliegen. Sachen gibt´s! Beim zweiten Mal konnte ich nur noch lachen anstatt mich aufzuregen…Scheinbar habe ich es nicht so mit Lateinamerikanischen Fluggesellschaften (entweder Overbooking oder die machen Pleite und man hat den Ärger und jetzt dieses Desaster).

Somit hatte ich dann 2 Tage Aufenthalt in einem Schickimickihotel mit Pool, gutem Essen und einem Zimmer ganz für mich alleine. Ganz angenehm, denn ansonsten stehen mir nämlich 6 Wochen im Schlafsaal bevor. Und wenigstens konnte ich so mal in Ruhe im Voraus meine Nase in die Reiseführer stecken.
Jedenfalls ist mein Zeitgefühl jetzt völlig zerstört durch dem Abflug und die Ankunft mitten in der Nacht und die Zeitumstellung. Ich hab mir deswegen einfach gemerkt: Sonne oben=Tag, Sonne unten= Nacht, daran gibt’s nichts zu rütteln. Nur mein Biorhythmus muss das jetzt auch noch erkennen…
Meine letzten Kiwi-Highlights muss ich auch noch loswerden, denn neben den Bergen haben Wald/Bäume und Strand/Meer noch mal ordentlich in der Flashskala aufgeholt, denn eines der wunderbarsten Erlebnisse war mit Sicherheit der Spaziergang durch einen Redwoodwald. Irre, denn diese Bäume können riesig groß (über 100 Meter hoch), alt (mehrere tausend Jahre) und natürlich sehr dick werden. Die Redwoods im Wald waren eher jung und nicht ganz so dick, aber trotzdem bleibt einem der Mund offen stehen, wenn man zu ihnen aufschaut und die weiche, torfige Rinde streichelt. Schöner und erhabener als eine Kathedrale oder irgendein anderes menschliches Bauwerk, das ich gesehen habe. Aber das ist ja noch lange nicht alles, was Neuseeland an Überraschungen in Punkto Bäumen zu bieten hat. An der Spitze der Coromandel Peninsular sind wir über Schotterpisten durch Pukutukawa und Puriri Wälder gefahren. Man fühlt sich wie in einem verwunschenen Märchenwald oder wie in einem Tim Burton Szenario denn die knorrigen Bäume sind so unmöglich gedreht und verwachsen/überwachsen wie riesige Bonsaibäume. Man fragt sich, ob man sich wirklich noch auf dem Planeten Erde befindet in dieser zeitlosen und beruhigenden Szenerie. Auch in einem Kauriwald waren wir und staunten auch dort, wie riesig diese Laubbäume wachsen können und wie erhaben sich diese Pflanzen gen Himmel strecken, während man als kleine Ameise zu ihnen aufschaut.
Aber es muss nicht besonders groß und mächtig sein. Die Wälder drum herum sind allein wegen ihrer Baumfarne und ihren anderen Urpflanzen, die sich über Millionen von Jahren kaum veränderten, ein Erlebnis. Man ist z.T. echt erleichtert, wenn hinter dem nächsten Baum kein Dinosaurier auf einen lauert, so prähistorisch sieht es aus.
Mit Strand und Meer hatte ich auch ein paar interessante Erfahrungen. Auf der Coromandel Peninsular gibt es nicht nur einen Strand mit heißen Quellen an dem man sich wahlweise seinen eigenen Thermalpool buddeln oder sich die Füße verbrühen kann, wenn man auf der falschen Stelle steht, oder wunderschöne Höhlen und Kliffs wie die Cathedral Cove, sondern auch menschenleere, bildschöne und z.T. kilometerlange Sandstrände. An einer dieser wunderbaren Ansammlungen von Sand und Wasser war ich dann so geflashed dieses weite Fleckchen Erde für mich ganz alleine zu haben, dass ich völlig die Zeit vergessen und den Weg zurück durch Dünen und Wald zum Campingplatz nicht mehr gefunden habe bevor es dunkel wurde. So musste Großmaul Lena nach 2 Stunden Suchen von seinem Daddy mit der Taschenlampe aus dem Kinderparadies abgeholt werden. Richtige Angst hatte ich am Strand nicht, aber es war schon seltsam, nicht mehr so richtig zu wissen wo man ist und die Hand vor Augen nicht mehr zu sehen. Da ist der Mensch alleine in der Natur und schon findet er sich nicht mehr zurecht. Der Hammer.
Mein Dad hat für meine Rettung auf jeden Fall so viele Superheldenpunkte bekommen, dass er auch in dieser Kategorie unangefochten vorne lag.
Und nun werde ich aus dem komfortablen, gemütlichen Campervan wieder hinaus in die weite Welt geschleudert. Vorbei die Vollpension, vorbei mit dem „no worries, mate“-Mantra der Neuseeländer, vorbei mit Barfußlaufen, Bäume streicheln und dem ganzen anderem Hippiekram. My backpack and me und natürlich mein Glücksbringer, the one and only Melodymaus wieder alleine auf weiter Flur.
Neuseelands Natur war ein Traum! Von Städten und Menschen haben wir nicht so viel mitgenommen, aber die sind ja auch ähnlich wie bei uns…
Heute hatte ich dann einen wunderschönen Sonntag in Santiago. Die Sonne schien, und die Männer spielen auf der „Plaza de Armas“ Schach, Kinder baden im Brunnen, Leute sitzen auf den Bänken, quatschen, lesen Zeitung und füttern die Tauben, an improvisierten Ständen werden DVD-Raubkopien verkauft, Luftballon-, Eis- und Sandwichverkäufer preisen lauthals ihre Ware an…In den Parks sitzen wildknutschende Liebespärchen in vermeintlich versteckten Ecken, die Leute trinken Bier und rauchen in den schnuckeligen Straßencafés, es riecht nach Churros (einem Fettgebäck), Abgasen, Staub und Sonne. Kommt man aus einem Land, wo es überall „Liquor Ban“ und „no smoking“ heißt, sonntags die Orte und Städte völlig leergefegt und ohne jeden Flair sind und alle sich immer anständig an die ganzen Verbotsregeln halten atmet man auf und saugt die ganze Atmosphäre in sich ein.
Zwar kann man sich kaum auf eine Bank setzen, ohne dass man von Männern aller Altersklassen und Schichten angequatscht wird (von wegen die Chilenen sind zurückhaltend!) und die „Guapa!“ („Süße!“) Rufe gehören auch wieder zu meiner akustischen Landschaft, aber wenn man es locker nimmt ist es doch schöner kommunikative Menschen um sich herum zu haben als humorlose Klemmis. Mit einem flotten Spruch lassen einen die Typen dann auch lachend in Ruhe, und im Sprücheklopfen bekommt man hier schnell einiges an Übung.

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