Vietnam II: Der Kaiser und die neuen Kleider

Seidenlaternen, Hoi An

Seidenlaternen, Hoi An

Unsere nächsten Stationen auf dem Touristentrail runter nach Ho Chi Min City waren Hue und Hoi An.

Hue ist eine alte Kaiserstadt und dementsprechend gab es ein paar sehr schöne Paläste, Tempel und Kaisergräber zu bestaunen. Die Nachtfahrt im Zug war sicherlich bequemer als im Bus und hat uns zum Glück nicht ganz so verknautscht ankommen lassen.

Hue selbst hat eigentlich außer den Überresten der verbotenen purpurnen Stadt, in der der Kaiser mit seinen Konkubinen hauste, nicht viel zu bieten. Also habe ich am 2.Tag mal eine Fahrt mit dem Motorroller gewagt. Denn wenn man Vietnams Touristenfeind Nr. 1, das Motorrad (das Pendant zum nervigen krähenden Hahn in Laos) schon nicht bezwingen kann, dann muss man wohl mal mit den Wölfen heulen und auf eins drauf steigen. Natürlich nur hinten als Beifahrer, ich würde es mir auch in einer so beschaulichen Stadt wie Hue nicht zutrauen, die Verkehrsregeln oder besser die Verkehrsregellosigkeit zu verstehen. Die Fahrt durch das Umland von Hue war wunderbar! Die Reisfelder und die Wasserbüffel, die weißen Kraniche und Dörfer und die Schulkinder auf ihren Rädern flogen nur so an mir vorbei und die schönen Pagoden und Kaisergräber waren eigentlich nur die Zugabe zu diesem wunderbaren Ausflug!

Hoi An hat mich dann völlig von den Socken gehauen. Das beschauliche Städtchen mit seinem Hafen und seinen Inseln, den verwunschenen Häuschen und Straßen und den lebhaften Märkten hat nämlich für Touristen außerdem eines zu bieten: Schneidereien, so weit das Auge reicht. Ich war zunächst etwas skeptisch, ob die Schneiderinnen auch wirklich umsetzten können, was man sich so vorstellt, aber ich hab meine Bedenken über Bord geworfen und einen ganzen Tag nur damit verbracht, mich vermessen zu lassen, Stoffe und Schnitte auszusuchen und zu handeln. Es war wunderbar, in die Welt der Schneidereien einzutauchen und mit diesen Mädchen und Frauen, die sieben Tage die Woche von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends zwischen Stoffen und Nähmaschinen leben, zu quatschen und zu handeln. Mein erstes Stück, ein Mantel, war am ersten Abend schon fertig und passte wie angegossen. Den nächsten Tag habe ich dann damit verbracht, die ganzen Sachen wieder einzusammeln, ich hatte insgesamt 13 Kleidungsstücke und 2 Paar Schuhe in Auftrag gegeben. Alles musste anprobiert und meistens noch einmal etwas geändert werden. Zwischenzeitlich war ich etwas lustlos und müde, weil es etwas viel war, aber der Endorphinspiegel stieg dann wieder mit jedem Kleidungsstück, das wie angegossen passte. Die Sachen waren teilweise wirklich noch warm, grade frisch noch gebügelt und zu Ende genäht bevor ich sie angezogen habe. Besonders fasziniert haben mich die Sachen für die ich keine Modelle aus den Schneidergeschäften, sondern selbstausgewählte und ausgedruckte Fotos aus dem Internet als Vorlage abgegeben hatte: Sie sahen genauso aus wie auf den Abbildungen und passten perfekt. Einen Riesenrespekt hatte ich vor dem handwerklichen Können und dem Organisations- und Verhandlungsgeschick der ganzen Schneiderdamen. Zum Schluss wurde man noch gedrückt und mit „Good luck to you!!“-Wünschen überschüttet. Eine runde Sache also. Damit mein Rucksack weiterhin so schlank bleibt, hab ich alles mit einem Päckchen per Sea Mail nach Hause geschickt. Dauert 3 Monate, aber ist ja trotzdem früher da als ich!

Dann habe ich die 24 Stunden Busfahrt nach Ho Chi Min City (die Vietnamesen nennen es immer noch Saigon) auf mich genommen. Es war eigentlich auch eine ganz gemütliche Busfahrt, nur leider mit einem hässlichen Ereignis. Als ich aus dem Tiefschlaf erwachte fiel mein kurzsichtiger Blick auf meinen Rucksack, den ich zwischen mir und dem Fenster festgebunden hatte und eine Hand, die seelenruhig darin herumwühlte. Noch ganz verschlafen tippte ich dem dazugehörigen Mann, der unauffällig mit dem Rücken zu mir stand, an und schaute böse. Mein Handy hatte der Fiesling schon eingesteckt und rückte es sofort wieder raus. Ich hab kontrolliert, ob alles andere (Geld, Kamera etc. pp.) noch drin ist, was der Fall war, und ehe ich mich es versah, war der Typ auch schon aus dem Bus ausgestiegen. Ich habe mich später so sehr geärgert, dass ich so verschlafen, verdutzt und geschockt war und nicht direkt laut geschrien habe, denn obwohl bei mir alles noch komplett war hatte der Mann bei den anderen Fahrgästen erfolgreich zugegriffen und ein paar Handys mitgehen lassen. Ich danke auf jedem Fall meinem inneren Auge, das mich im richtigen Moment geweckt hat und für die Lektion, denn jetzt werde ich auf jeden Fall noch besser auf meine Sachen aufpassen und nicht mehr so blauäugig sein!

Naja, beklaut werden kann man halt überall und der Depp aus dem Bus wird mein sehr positives Bild der Vietnamesen auf keinen Fall kaputt machen. Der alte Herr, der sich die ganze Fahrt väterlich rührend um mich gekümmert hat, da er wahrscheinlich Mitleid mit der armen Ausländerin so ganz alleine in dem fremden Land hatte, hat das Erlebnis mit dem Dieb wirklich bereits mehr als aufgewogen!

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Ein Gedanke zu “Vietnam II: Der Kaiser und die neuen Kleider

  1. ok – die schneiderspezialistinnen habens dir fein vorgemacht, nu bist du dran, wirst doch die nähmaschine dann wieder selbst anschmeißn, ne?!! , )

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